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12.09.2026
Wodka und Vorurteile
Galizische Wirtshauskultur im 19. Jahrhundert
In den Dörfern Galiziens trafen Alkohol, Politik, Religion und soziale Interessen aufeinander. Was einst als Treffpunkt, Kreditstelle und Vermittlungsort diente, wurde im 19. Jahrhundert zum Schauplatz wachsender Konflikte – und zum Nährboden für Antisemitismus, bäuerliche Selbstorganisation und den schwierigen Weg zu mehr Rechtsstaatlichkeit.
Seit den polnischen Teilungen des späten 18. Jahrhunderts gehörte das Kronland «Galizien und Lodomien» als Provinz zum Habsburgerreich. Galizien war eher arm, unterentwickelt, bevölkert von Polinnen und Polen, Ruthenen (=Ukrainer), deutschen Kolonisten und Beamten, Sinti und Roma, Mährer, Ungaren sowie Jüdinnen und Juden, einer eindeutigen Minderheit auf dem Land (ca. 2 bis 4%), die indessen in den «Shtetl» die absolute Mehrheit ausmachten.
Spannungen waren also vorgegeben, zumal auch religiöse Unterschiede vorherrschten: Die Polen waren römisch-katholisch, die Ruthenen Griechisch-Orthodox, die Deutschen in der Tendenz lutheranisch.
Im Jahre 1848 löste die habsburgische Krone, die sich als Beschützer der Bauernschaft vor dem ausbeuterischen niederen Adel («szlachta») verstand, die Leibeigenschaft aus, etwas später wurde die kommunale Selbstverwaltung eingeführt. Diese diente den Bauern als Übungsgelände für nationale und imperiale Aufgaben.
Interessenskonflikte
Im dörflichen Wirtshaus politisierten die verschiedenen Interessensgruppen, die begannen, ihre Rechte gemäss Gesetzbuch zu verstehen. Den um 1800 noch meist jüdischen Wirten wurde damals als lesekundigem Vermittler zum Grundherrn und zu den habsburgischen Instanzen noch Respekt gezollt. Sie hatten eine Aufgabe im Dorf, auch als Geldverleiher.
Um 1870 entstanden nun aber eigene dörfliche Banken. Den jüdischen Geldverleihern warfen eifrige katholische Priester und Bauernanführer Wucher («usuria») vor. Sie seien Ausbeuter, Hehler, Schmuggler, hiess es nun, auch auf dörflichen Theaterbühnen.
Die jüdischen Wirte wurden dämonisiert, was zum Antisemitismus in Galizien beitrug. Dörfliche Gewerbetreibende sahen es auch nicht gerne, wenn jüdische Wirte als Konkurrenten mit Salz, Tabak oder Tee handelten. Antisemitismus hat meistens auch handfeste ökonomische Motive.
Allgemein gab es viele Männer, die exzessiv tranken, auch Schnaps (Wodka, Fusel). Das religiös-kommunale Brauchtum mit seinen gegen 200 Feiertagen und tagelangen Festen trug zum Alkoholkonsum bei. Darüber klagten nicht zuletzt Frauen in Liedern, beispielsweise auf Pilgerreisen. Sie setzten sich für Temperenz ein, für Mässigkeit und für einen solideren Lebenswandel ihrer Ehemänner.
Dazu sollten auch die Antitrunkenheitsgesetze von 1868 beitragen, die aber oft umgangen wurden, denn die gewählten dörflichen Gemeindevorsteher («wojt») waren bestechlich, sahen geflissentlich weg und waren manchmal selbst veritable Alkoholiker, die als Wirte auch von der «Volkskultur» profitierten und nur allzu gerne ihre Wirtsstuben für Tanzanlässe, Musik und Theaterabende vermieteten.
Da die oft selbstherrlichen Gemeindevorsteher in den Dörfern recht viel Macht besassen, war es schwierig, sie zu belangen. Dies änderte sich mit der besseren Lesefähigkeit der Kleinbauern und mit aufmerksamen Zeitungen und Journalisten, die über Missbräuche berichteten.
Dies konnte die österreichisch-ungarische Obrigkeit auf den Plan rufen oder auch eine nationale Kleinbauernpartei (ab ca. 1890). Zur «Zivilisierung» der galizischen Wirtshauskultur war also, so scheint es, der schwierige Rechtsweg vonnöten.
Dr. phil. Fabian Brändle, Wil SG
Historiker und Volksschriftsteller
Literaturtipps:
Stauter-Halsted, Kelly. The Nation in the Village. The Genesis of Peasant National Identity in Austrian Poland 1848 – 1914. Ithaca und London 2004.
Opalski, Magdalena und Israel Bartal-The Jewish Tavern-Keeper and His Tavern on Nineteenth Century Polish Literature. Jerusalem 1986.
- Ägyptische Kaffeehäuser: Tee, Haschisch und Revolution
- Schnelle Fäuste, grosse Wirkung: «Halbstarke» in der BRD
- «Shebeens»: Kneipen im südlichen Afrika
Dossiers: Alkoholkonsum | Geschichte
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